Silbermond 2020 – Mannheim SAP Areana

Silbermond – Mannheim SAP Areana

„In guten Zeiten Händchen halten kann jeder – in schlechten nicht loszulassen, darauf kommt es an.“ Es sind Gedanken wie diese von Silbermond-Frontfrau Steffi Kloß, die an diesem Abend in der Mannheimer SAP Arena wie ein Versprechen klingen. Denn anstatt den Phrasendrescher der Moral anzuwerfen, um sich – mit dem Publikum – stolz über all jene zu erheben, die losgelassen haben, hängt die Hoffnung hier am Gartenzaun („B96“). Und wartet nur darauf, endlich in Besitz genommen zu werden.

Die Bautzener Gruppe Silbermond begeisterte die Fans am Montagabend mit ihrem neuem Album “Schritte” in der SAP Arena in Mannheim. Manch einer würde das Mission nennen, für Silbermond ist es der „ständige Blick nach vorne“, der auch dort Neuland denkt, wo in Vergangenem verbrannte Erde darbt. Kloß nennt das „Alles ist besser als Stillstand“ – die 160 Minuten in Mannheim zeigen: Die authentische Transformation ist König.
Eine Philosophie, die in jeder Facette dieses Abends wohnt. Denn wer sich an die puristischen Bühnenbilder der vergangenen Tourneen erinnert, sieht das asiatisch-bunte Blüten-Paradies nicht nur als grellen Kontrast, sondern als bewussten Schritt aus der Komfortzone. Schon die ersten Minuten sind hier ein dynamischer Fingerzeig, der es an Deutlichkeit nicht mangeln lässt.

Die Schelte auf die inhärente Unverbindlichkeit dieser Zeit („Lass mal“) kommt mit ebenso viel Schmiss daher wie das lautstarke Plädoyer auf die eigene Heimat („Mein Osten“) – von der instrumentalen Wucht hat man da noch gar nicht gesprochen. Allein, was die beiden Stolle-Geschwister Johannes und Thomas an Bass und Gitarre in die Saiten diktieren, fächert ein harmonisches Kleid zwischen Indie Rock („Indigo“) und Nu Metal („Nichts passiert“) auf, das nicht nur in epischen Soli glänzen darf, sondern wahre Suiten zum genüsslichen Fest ausgestaltet. Andi Nowak muss an den Trommeln da eigentlich nur noch königlich vollenden.
Man darf das sagen, weil auch Silbermond die gestalterische Macht als Entgrenzung nicht unbedingt immer bis ans Maximum ausloteten und im Zweifel lieber dem Fragilen huldigten, als die Verstärker auf Anschlag pulsieren zu lassen. Dass sich das Quartett aus Bautzen nach Jahren der bewussten Auszeit zwischen Freigeist und Familiengründung zu solch fetten Kontrasten entscheidet, goutiert eine gut besetzte Arena immer wieder zu Recht mit frenetischen Jubelchören.

Zumal es dem Abend auch an intimen Momenten keineswegs mangelt. Die Power-Ballade „Krieger des Lichts“ im Schein tausender Smartphone-Leuchten ist kaum verklungen, da setzen die Pop-Rocker der Aufmerksamkeitsgesellschaft des Besser, Schöner, Dünner mit ihrer akustischen Version der Mut-Nummer „Für Amy“ ganz unaufgeregt die Empathie eines kleinen Mädchens entgegen, das an Tieferes glaubt. Und genau deshalb erweisen sich die gut zweieinhalb Stunden mit zunehmender Dauer als so unglaublich bewegend. Weil die hingehauchte Version von „Das Beste“ hier nicht aus Verlegenheit mit dem Publikum gesungen wird, sondern, weil sich das zutiefst organisch anfühlt. Und, weil nicht immer die strahlendste Pointe die größte Wirkung entfaltet. Die Tränen in den Augen von Frontfrau Kloß sind hier keine Maskerade, sondern das Fundament eines gemeinsamen Weges, auf dem „Schritte“ nicht nur physisch, sondern auch seelisch vollzogen werden.

Das bestens eintrainierte Stagediving gehört zu diesen Prozessen nicht weniger als die immer wieder geforderten Publikums-Chöre, die das „Beste Leben“ im Kollektiv kraftvoll vorausdenken. Ein Enthusiasmus, der sowohl trägt als auch verbindet und fasziniert. Der eigens formulierte Imperativ („Gib mir irgendwas, das bleibt“) darf deshalb auch mehr als nur eine Hülse sein, sondern wird zum Rückbesinnungsort, den fast schon legendäre Klassiker wie „Symphonie“ und „Himmel auf“ als Ornamente zieren, um Erinnerungen zu schaffen, die selbst Schicksal, Leid und Tod einem nicht mehr nehmen können („In meiner Erinnerung“). Welch ein Schatz.

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 28.01.2020

Fotos: Mike Rupprecht

Block 212 Reihe 4 = 57,50 EUR 🙂 absolut ok!

Setlist

Was Freiheit ist / Silbermond / Lass mal / Zeit zu tanzen / Indigo / Schritte / B96 / Mein Osten / Träum ja nur (Hippies) / Krieger des Lichts / Für Amy / Himmel auf / Irgendwas bleibt / Das Beste / Leichtes Gepäck / Durch die Nacht / Luftschloss // Bestes Leben / In meiner Erinnerung / Ein schöner Schluss